Murphy, mein Aussie-Rüde, hat heute etwas wirklich faszinierendes gemacht. Er hat mir etwas mittels der operanten Konditionierung beigebracht!

Lerntheorie

Wenn man schon das Wort „Konditionierung“ um sich wirft, sollte man zunächst erklären, was Konditionierung überhaupt bedeutet. Darum gibt es einen kurzen Exkurs in einen Teil der Lerntheorie.

Konditionierung ist eine Form des Lernens. Es gibt die klassische Konditionierung und die operante Konditionierung.

Klassische Konditionierung

Bei der klassischen Konditionierung werden Reize miteinander verknüpft.

Der russische Forscher und Begründer der klassischen Konditionierung Iwan Pawlow hat bei Hunden das Klingeln einer Glocke (ein Reiz ohne Bedeutung für den Hund) mit Futter (ein Reiz mit positiver Bedeutung) verknüpft.

Er hat die Glocke geklingelt und wenige Augenblicke danach dem Hund das Futter gegeben. Nach einigen Wiederholungen hat Pawlow die Glocke geklingelt und der Hund hat zum Speicheln begonnen – immerhin sollte es gleich das Futter geben.

Für die Konditionierung des Clickers mache wir uns die klassische Konditionierung zunutze. Wir bringen dem Hund bei, dass dieses charakteristische „Click“ bedeutet, dass im Anschluss eine Verstärkung kommt.

Operante Konditionierung

B.F. Skinner hat die operante Konditionierung begründet. Hierbei geht es um das Lernen anhand der Konsequenz (bzw. Erfolg und Nicht-Erfolg).

Reiz/Signal -> Verhalten/Reaktion -> Konsequenz

Die Konsequenzen, die auf ein Verhalten folgen können, können wir in sogenannte vier Lernquadranten einteilen.

Wird die Konsequenz als angenehm erlebt, wird das Verhalten in Zukunft häufiger gezeigt. Das haben wir bei der positiven Verstärkung (etwas Angenehmes wird hinzugefügt) und bei der negativen Verstärkung (etwas Unangenehmes wird entfernt)

Wird die Konsequenz aber als unangenehm erlebt, wird das Verhalten in Zukunft seltener gezeigt. Zu den „hemmenden“ Konsequenzen zähen die positive Strafe (etwas Unangenehmes wird hinzugefügt) und die negative Strafe (etwas Angenehmes wird entfernt).

Das war jetzt eine sehr kurze Zusammenfassung der Lerntheorie. Wer dieses Thema spannend findet, darf sich gerne meinen Beitrag dazu durchlesen!
Die Grundlagen der Lerntheorie

Kontext

Hunde lernen im Kontext.

Das Signal „Sitz“ kann in der U-Bahn bedeuten, dass man jetzt einfach ruhig sitzen muss, bis man am Ziel ist. Aber in der Hundezone – wo der Kontext ein anderer ist – kann das „Sitz“ bedeuten, dass es danach gleich ein Suchspiel gibt.

Ein anderes typisches Beispiel ist der Grundgehorsam am Hundeplatz und der Grundgehorsam im Alltag – auch das sind oft zwei verschiedene Welten und für den Hund zwei komplett unterschiedliche Kontexte.

Also, was ist passiert?

Wenn ich mit Murphy in einer Hundezone bin (nachdem Hunde in Hundezonen nichts für ihn sind, sind wir immer alleine), verstecke ich sehr gerne Futter.

Zuerst gehen wir in die Hundezone hinein und Murphy darf etwas schnüffeln, herumlaufen und einfach Hund sein.
Nach einigen Minuten wird er von mir angesprochen. Wenn er reagiert und herkommt, weiß ich, dass er bereit ist. Murphy kriegt das Signal „Sitz“, er setzt sich hin und wartet. Währenddessen verstecke ich Futter – mal in einem Busch, mal in Baumritzen, mal werfe ich es herum, … .
Wenn Murphy das Signal „Such“ hört, springt er auf und beginnt das Futter zu suchen.

Doch am Anfang der Woche hat sich etwas verändert.

Wir sind in die Hundezone hinein gegangen, er hat geschnüffelt und war „Hund“ – alles so wie immer. Doch plötzlich hat er sich hingesetzt und mich erwartungsvoll angeschaut.
Ich war natürlich irritiert.
Mein erster Gedanke war, dass er was angestellt hat. Ich hab ihn dann angesprochen – er ist sitzen geblieben und hat mich angeschaut. Dann habe ich ihn locker hergerufen (es war kein echter Rückruf) und er ist wieder sitzen geblieben und hat mich angeschaut.
Das hat mich verunsichert und um die Situation zu beenden habe ich etwas Futter auf den Boden gestreut – er ist wieder sitzen geblieben und hat mich angeschaut. Dann kam von mir das Signal „Such“ und Murphy ist aufgesprungen, hergelaufen und hat fleißig das Futter gesucht.

Als er fertig war, hat er sich wieder hingesetzt und mich angeschaut.

Jetzt wusste ich aber: er will Suchspiele machen. Also habe ich das Futter wild in der Hundezone versteckt und er ist bis zum „Such“ total brav sitzen geblieben.

Und heute war es wieder so.
Wir sind in die Hundezone hinein gegangen, er war kurz er selbst und hat sich anschließend von sich aus hingesetzt und gewartet, bis das „Such“ kam – heute wusste ich auch, was Murphy von mir wollte!

Ach, wie schön!

Ja total.
Also ich freue mich wirklich, weil Murphy mir jetzt durch sein Sitzen und Schauen zeigen kann, dass er gerne ein Suchspiel spielen will.
Einfach der Hammer.
Aber der Hintergrund ist in meinen Augen noch viel spannender!

Denn Murphy – mein toller Aussie-Bub mit Stressproblem – hat mich – einen überlegenen Homo Sapiens mit Universitätsabschluss, Ausbildungen ohne Ende und und und – einfach operant konditioniert.

Die Theorie hinter dem Ganzen

So, Murphy und ich sind ja zwei Individuen, also splitte ich das mal auf.

Was ist bei Murphy passiert?

Zunächst wurde Murphy – so wie ganz viele andere Hunde auch – vor Jahren operant konditioniert, damit er mal lernt, was „Sitz“ überhaupt bedeutet. Und für jedes Mal, wo er mein Signal „Sitz“ auch richtig ausgeführt hat, gab es etwas Angenehmes. Murphy wurde für das richtige Verhalten also positiv verstärkt.

Mit der Zeit ist dann ein Kontextbezug dazu gekommen.
Murphy hat unter anderem gelernt, dass ein „Sitz“ in der Hundezone bedeutet, dass es gleich ein Suchspiel gibt.

Was ist bei mir passiert?

Tja – auch ich wurde operant konditioniert!

Murphy hat sich hingesetzt und mich angeschaut. Ich habe daraufhin überlegt, was er von mir will und verschiedene Dinge probiert. Alles hatte keine angenehme Wirkung und ich musste mein Verhalten anpassen. Und am Ende habe ich tatsächlich das passende Verhalten gezeigt. Als Murphy aufgesprungen ist und das Futter gesucht hat, habe ich mich gefreut. Einerseits, weil Murphy flott aufgesprungen ist und das Futter gesucht hat und andererseits, weil Murphy mit mir durch ein „Sitz“ kommuniziert hat.

Murphy hat sich anschließend wieder hingesetzt und ich habe dieses Mal Futter in der gesamten Hundezone versteckt.

Aufgedröselt wäre das also wie folgt:

Signal: Murphy setzt sich und schaut

Meine Reaktionen
Reaktion 1: Ich spreche Murphy an → keine Veränderung → Anpassung meines Verhaltens
Reaktion 2: Ich rufe Murphy locker her → keine Veränderung → Anpassung meines Verhaltens
Reaktion 3: Ich streue Futter auf den Boden → keine Veränderung → Anpassung meines Verhaltens
Reaktion 4: Ich sage „Such“ → Murphy springt auf und sucht das Futter

Konsequenz: Ich freue mich und zeige „Futter verstecken“ nun öfter, wenn er sich in der Hundezone hinsetzt und mich anschaut.

Für unser Zusammenleben

Murphy hat jetzt einen neuen Weg gefunden, um mir mitzuteilen, was er gerne möchte – einfach nur großartig, weil er in der Hundezone Spaß haben soll und das machen soll, worauf er eben Lust hat.

Außerdem fand ich die gesamte Situation total spannend. Murphy ist während meinem Herumprobiere geduldig gesessen und hat gewartet. Erst als von mir das Signal „Such“ gekommen ist, hat er sein Sitz beendet.
Wenn man bedenkt, dass Murphy sonst extrem schnell auf alles mögliche mit Bellen reagiert und zudem auch schnell die Geduld verliert, macht es die Situation noch interessanter.
Womöglich ändert er jetzt auch in anderen Situationen seine Vorgehensweise und arbeitet mit klaren Signalen, um mir zu zeigen, was er gerne möchte.

Etwas Einmaliges?

Dass ich so offensichtlich durch meinen Hund operant konditioniert wurde, war bestimmt etwas, was so schnell nicht wieder vorkommen wird (glaube ich zumindest).

Aber tatsächlich ist es keine Besonderheit, dass wir von unseren Hunden konditioniert werden – sei es klassisch oder operant. Das passiert sogar recht häufig und ist für unser Zusammenleben auch nicht unwichtig!
Nur lassen wir uns oft „unbewusst“ konditionieren – so wie wir auch unsere Hunde oft „unbewusst“ konditionieren.

In der Hundeszene

In Teilen der Hundeszene wird nicht viel von Konditionierung gehalten. Hunde werden dann auch als sogenannte „Konditionierungsopfer“ bezeichnet, die nur noch wie Maschinen arbeiten würden und wo jegliche Bindung verloren gehen würde. Sie würden zudem nur noch das Futter im Blick haben und ohne Futter keinerlei (von uns erwünschtes) Verhalten zeigen.

Aber ich finde, dass wir aber bei der Situation zwischen Murphy und mir sehr gut sehen, dass Konditionierung nicht nur in die Richtung Mensch → Hund läuft, sondern auch in die Richtung Hund → Mensch.

Man könnte jetzt auch die hochphilosophische Frage stellen, ob es nicht auch ein Zeichen von Vertrauen und einer vorhandener Bindung ist, wenn Murphy mir ein für mich unbekanntes Signal zeigt und darauf wartet, dass ich es richtig ausführe – also mich konditioniert. Aber diese Frage kann nur Murphy selbst beantworten und der schläft gerade.

Und sowohl Murphy als auch ich haben das Verhalten eigentlich nicht für das Futter gezeigt.
Murphy wollte Suchspiele spielen – also seinem nasalen Bedürfnis nachgehen – und ich habe mich gefreut, weil er sich gefreut hat. Wir haben hier also einerseits die Bedürfnisbefriedigung und das Erfolgreich sein als Verstärker und andererseits den sozialen Verstärker.

Und wenn man so darüber nachdenkt…wäre ich dann in dem heutigen Beispiel nicht das eigentliche „Konditionierungsopfer“? Immerhin wollte ich in der Hundezone meine Ruhe haben, Murphy beim Hund sein beobachten und plötzlich beginnt er mich ungefragt operant zu konditionieren?!

Fazit

Wie immer lohnt es sich, mit einer lerntheoretischen Brille auf eine Situation zu schauen, bei der sich Verhalten ändert und Neues gelernt wird – und in dem Fall war es nicht Murphy, dessen Verhalten sich mittels operanter Konditionierung verändert hat, sondern ich und mein Verhalten.

Und was oft vergessen wird, aber sehr wichtig ist:
Wir Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die konditionieren können. Und auch wir werden teils von unterschiedlichen Lebewesen mittels klassischer und operanter Konditionierung konditioniert – ob es uns bewusst ist oder eben nicht.

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