Oft hört man den Satz„Der Hund weiß genau, was er tun soll – er macht das jetzt nur aus Absicht nicht!“
Doch wenn wir ehrlich sind: Handeln Hunde wirklich mit dem Ziel, uns zu ärgern oder uns „eins auszuwischen“?
Die Antwort ist einfach: Nein
Hunde denken nicht in solchen Kategorien. Sie handeln nicht moralisch oder „gegen uns“. Sie reagieren auf ihre Umwelt, auf ihre Emotionen und auf das, was in der Vergangenheit für sie funktioniert hat (also ihre bis dato gemachten Erfahrungen).
Warum Hunde nicht so reagieren, wie wir wollen
Wenn ein Hund nicht das gewünschte Verhalten zeigt, steckt meist kein „Ungehorsam“ dahinter, sondern nachvollziehbare Gründe:
- Er hat die Aufgabe schlicht noch nicht verstanden.
- Das Training war zu schnell oder zu komplex aufgebaut.
- Die Situation überfordert den Hund, weil die Ablenkungen (Gerüche, Geräusche, andere Hunde) zu groß sind.
- Er ist gestresst – und Stress schaltet Lern- und Denkfähigkeit regelrecht ab.
- Er hat Angst oder fühlt sich unsicher und reagiert instinktiv mit Flucht, Bellen oder Vermeidung.
- Das, was verlangt wird, macht für den Hund keinen Sinn oder ist nicht „hochwertig“ genug im Vergleich zu dem Verhalten, was der Hund eben macht (zum Beispiel „die Vögel beobachten“)
- Und oft übersehen: Der Hund hat Schmerzen oder andere gesundheitliche Probleme, die ihn daran hindern, das gewünschte Verhalten zu zeigen.
Gerade Schmerzen sind ein zentraler Punkt. Ein Hund, der sich zum Beispiel. nicht hinsetzen möchte, könnte Probleme mit der Hüfte oder auch mit der Wirbelsäule haben.
Und ein Hund, der „nicht mit trainieren will“, könnte schlicht Gelenksschmerzen oder eine akute Verletzung haben, die für uns nicht sichtbar sind.

Stress, Angst und Emotionen

Ein Hund unter großem Stress oder Angst befindet sich nicht im „Trainingsmodus“. Sein Körper arbeitet dann im „Überlebensmodus“:
Herzschlag und Atem beschleunigen sich, Stresshormone fluten den Körper, klare Gedanken sind kaum noch möglich.
Von außen sehen wir aber nur das Verhalten: der Hund bellt, zieht an der Leine oder verweigert eine Übung. Dahinter steckt kein „bockiger Wille“, sondern eine Emotion. Und Emotionen sind stärker als jedes Kommando.
Wenn wir den Grund hinter dem „nicht Wollen“ aber übersehen, entsteht schnell ein Teufelskreis: Der Hund wird missverstanden und vielleicht bestraft, obwohl er eigentlich Hilfe bräuchte.
Hunde handeln nicht „gegen uns“
Hunde handeln nicht, um uns zu provozieren.
Sie handeln so, wie es für sie in der Situation Sinn ergibt.
- Sie orientieren sich an Erfahrungen: „Was hat bisher funktioniert?“
- Sie reagieren auf Gefühle, nicht auf Pläne oder moralische Vorstellungen.
- Sie suchen Strategien, die ihnen Sicherheit oder Erfolg versprechen.
Das bedeutet auch: Fehlverhalten und auch das klassische „mit Absicht nicht machen wollen“ ist fast immer ein Zeichen dafür, dass der Hund Hilfe oder Unterstützung braucht – nicht Strafe oder Strenge.
Folgen des „Absichts-Denkens“
Wenn wir glauben, der Hund macht etwas „mit Absicht“, kann das schwerwiegende Folgen haben:
- Für den Hund: Er wird unfair behandelt und vielleicht sogar körperlich bestraft. Das kann nicht nur Vertrauen zerstören, sondern auch Angst, Stress oder Aggression fördern. Ein Hund, der wegen Schmerzen nicht mitmacht und dafür „korrigiert“ wird, leidet doppelt.
- Für den Menschen:
Die ständige Suche nach „Absicht“ führt zu Frust, Hilflosigkeit und Selbstzweifeln. Viele fragen sich: „Warum respektiert mein Hund mich nicht“ oder „Bin ich zu schwach?“ – und greifen dann vielleicht zu fragwürdigen Methoden.
Was stattdessen hilft
Anstatt Verhalten als „Absicht“ zu bewerten, lohnt sich ein Perspektivenwechsel und das Überlegen, wieso ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation nicht ausgeführt werden kann.
Impulse hierfür sind:
- Training kleinschrittig und fair gestalten.
- Stressoren erkennen und reduzieren.
- Emotionen und Bedürfnisse des Hundes ernst nehmen.
- Schmerzen oder gesundheitliche Probleme ausschließen (Tierarztbesuch!).
- Verständnis zeigen – auch in herausfordernden Situationen.
So können wir Verhalten wirklich verstehen und verändern – ohne Druck, aber dafür mit Klarheit und Fairness.
Fazit
Hunde handeln nicht „gegen uns“. Sie handeln so, wie es für sie im Moment logisch erscheint. Wenn wir diesen Perspektivenwechsel schaffen, sehen wir Verhalten nicht mehr als „Absicht“, sondern als Kommunikation.
Und genau hier liegt die große Chance:
Indem wir zuhören, Ursachen erkennen und fair reagieren, schaffen wir Vertrauen, Klarheit – und damit die Basis für echtes Lernen und Zusammenleben.

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