Da hinter „aversivem Hundetraining“ oft nicht wirklich eine Definition steckt, möchte ich in diesem Beitrag einerseits eine Definition für diese Art von Hundetraining finden, die Funktionsweise erklären und über die möglichen Folgen aufklären.
Was bedeutet „aversiv“?
Der Begriff „aversiv“ ist recht eindeutig definiert.
Hier sind einge Definitionen von unterschiedlichen Quellen:
- “Reize oder Situationen, die unangenehm oder abstoßend wirken” (Bildungsberatung Steiermark)
- “Psychische Reaktion, bei der ein Individuum auf bestimmte dargebotene Reize mit Abneigung oder Unlust reagiert.” (DocCheck Flexikon)
- “aversiver Reiz ist ein widriges Ereignis, das eine Vermeidungsreaktion auslöst“ (Dorsch Lexikon)
- “based on the principle of applying an unpleasant anxiety/fear-provoking stimulus to stop or prevent unwanted behaviour” (BSAVA)
Zusammengefasst kann man also folgendes sagen:
„Aversiv“ beschreibt einen Reiz, der unangenehm und abstoßend bis hin zu schmerzhaft und angstmachend für das Individuum ist.
Das Ziel hinter dem Hinzufügen ist das Hemmen von unerwünschtem Verhalten.
Ein aversiver Reiz beginnt also nicht erst bei “aua jetzt tuts weh!”, sondern schon bei “das finde ich unangenehm… bitte lass das”.
Im Hundetraining
Beim sogenannten “aversiven” Hundetraining wird hauptsächlich auf das bewusste Hinzufügen aversiver Reize gesetzt, um Verhalten so zu hemmen.
Aversives Hundetraining beginnt also schon dort, wo hauptsächlich über das Hinzufügen eines unangenehmen Reizes gearbeitet wird (zum Beispiel gezieltes Blocken, gezieltes Zischen, gezieltes anschreien, …) und endet bei schwersten Misshandlungen des Hundes. Aversives Hundetraining ist also – so wie auch positives Hundetraining – ein breites Sprektrum.

Zusammengefasst geht es nun beim aversiven Hundetraining um folgende Punkte
- Es wird hauptsächlich über das Hinzufügen aversiver Reize trainiert
- Es wird bewusst mit aversiven Reizen trainiert
- Das Ziel ist die Verhaltenshemmung
Funktionsweise im Hundetraining
Wir befinden uns hier in der sogenannten „Operanten Konditionierung“.
Operante Konditionierung ist das Lernen über die Konsequenz.
Signal/Reiz → Verhalten wird gezeigt → Konsequenz.
Wie die Konsequenz ausfällt, bestimmt darüber, ob Verhalten wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich gezeigt wird! Diese Konsequenzen können in die sogenannten vier Quadranten der operanten Konditionierung eingesteilt werden.
- Positive Verstärkung: etwas Angenehmes wird hinzugefügt (Leckerli, Spiel, Buddeln, Lob, …) → Verhalten wird verstärkt → Verhalten wird wahrscheinlich (Beispiel: Hund baut Blickkontakt auf und wird dafür gelobt)
- Positive Strafe: etwas Unangenehmes wird hinzugefügt → Verhalten wird gehemmt → Verhalten wird weniger wahrscheinlich (Beispiel: Hund bellt einen Radfahrer an und kriegt einen Leinenruck)
- Negative Verstärkung: etwas Unangenehmes wird entfernt → Verhalten wird verstärkt → Verhalten wird wahrscheinlicher (Beispiel: der Hund sieht einen Radfahrer als unangenehmen Reiz und der Abstand zum Radfahrer wird vergrößert. ODER nach einem Leinenruck wird das unangenehme Gefühl entfernt)
- Negative Strafe: etwas Angenehmes wird entfernt → Verhalten wird gehemmt → Verhalten wird weniger wahrscheinlich (Beispiel: Hund springt hoch, ich drehe mich um und entferne meine Aufmerksamkeit)
Beim Hinzufügen eines unangenehmen Reizes (eines aversiven Reizes) sind wir in der “positiven Strafe”. Wird ein Verhalten (zb. bellen) vom Hund gezeigt und wir werfen als Konsequenz dann eine Rütteldose neben den Hund, beendet er womöglich aufgrund des unangenehmen Geräusches das Bellen.
Der Hund lernt hier: wenn ich belle, passiert etwas Doofes und darum belle ich nicht mehr.
(Wenn er das Bellen nicht beendet, wäre der unangenehme Reiz noch zu „angenehm“ und wir müssten eine Stufe „intensiver“ gehen – lerntheoretisch betrachtet. )
Und ja, aversives Hundetraining funktioniert bei einigen Hunden.
Es wird im aversiven Training aber oft nicht nach dem Auslöser gesucht und daran gearbeitet, sondern nur die Reaktion des Hundes (also das Bellen) gehemmt. Der Hund selbst empfindet am Ende womöglich noch immer Angst, weiß aber jetzt, dass er nicht bellen darf, weil sonst etwas Doofes noch dazu kommt. Mehr dazu kommt aber noch etwas später!

Mögliche Folgen
Kurzfristig scheint aversives Hundetraining zu funktionieren. Der Hund hört auf zu bellen, zieht nicht mehr, „gehorcht“ und ist „unterwürfig“. Aber das passiert meist nicht, weil der Hund es jetzt verstanden hat – sondern, weil er Angst vor negativen Konsequenzen hat.
Langfristig können aber Unsicherheit, Misstrauen und auch Stress entstehen. Der Hund lernt: „Mein Mensch ist unberechenbar – ich muss aufpassen.“ Das kann zudem zu ständiger Anspannung führen. Anderes womöglich unerwünschtes Verhalten kann auch plötzlich “ausbrechen” als Art Kompensation.
Im Gegensatz zum positiven Hundetraining, wo es auch darum geht, eine negative Emotion zu verändern und so an der Ursache für ein Verhalten zu arbeiten, bleiben beim aversiven Hundetraining die Emotionen meist weiterhin negativ bzw. werden im Rahmen des Trainings negativ. Ein Hund, der z. B. aus Angst bellt, weil er unsicher gegenüber Fremden ist, wird durch Strafe zwar leiser, aber nicht weniger ängstlich. Die Angst bleibt – sie kann sich sogar verstärken. Der Hund lernt nur, dass er trotz seiner Angst leise sein muss, weil er sonst wieder etwas Doofes erlebt.

Und das ist gefährlich: Wenn Warnsignale wie Knurren oder Bellen unterdrückt werden, kann es später zu plötzlichen, scheinbar „grundlosen“ Aggressionsausbrüchen kommen. Denn der Hund hat gelernt, dass Kommunikation (und Vorwarnung) nichts bringt.
Aversives Hundetraining schadet auch dem Vertrauen des Hundes in seine Bezugsperson. Wenn ein Hund erlebt, dass der Mensch, von dem Sicherheit und Empathie kommen sollte, selbst Angst oder Schmerz auslöst, verliert er das Vertrauen. Der Hund kann so misstrauischer werden und den Kontakt zu seiner Bezugsperson bzw. generell zu Menschen meiden. Dazu kommt, dass Hunde, die gelernt haben, dass das, was sie tun, falsch ist, generell weniger (natürliches) Verhalten zeigen – lieber leise und unauffällig, dafür aber nicht abgestraft werden ist hier oft das Motto.
Dauerstress durch Angst oder Schmerz kann außerdem das Immunsystem schwächen, die Verdauung beeinträchtigen und Muskelverspannungen verursachen. Hunde, die häufig unter Druck stehen, zeigen häufiger stressbedingte Symptome – von Hautproblemen bis zu Magen-Darm-Beschwerden.
Österreichisches Tierschutzgesetz
Aber was sagt denn eigentlich das österreichische Tierschutzgesetz dazu?
„Verbot der Tierquälerei
§5 (1): Es ist verboten, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen.“
Das Tierschutzgesetz ist dahingehend leider sehr schwammig. Festzuhalten ist aber, dass es nicht erlaubt ist, dem Hund zb. Schmerzen (darunter fällt auch ein „kräftiger“ Leinenruck!) zuzufügen oder ihn in schwere Angst (so, dass er sich dann zb. nicht mehr traut, ein Verhalten zu zeigen) zu versetzen.
Aber wie sonst?
Gutes Training bedeutet, Ursachen zu verstehen. Wenn ein Hund zieht, bellt oder unsicher reagiert, hat das einen Grund. An diesem Grund müssen wir ansetzen, nicht am Symptom.
Das erreichen wir durch:
- Management (z. B. Abstand halten, Reize kontrollieren)
- Belohnungsbasiertes Lernen
- Verständnis für Kommunikation und Emotionen des Hundes
- Geduld und Empathie
- Fokus auf das richtige Verhalten, anstatt auf Fehler zu warten
Fazit
Aversives Hundetraining ist also Training, bei dem hauptsächlich und bewusst über das Hinzufügen aversiver Reize trainiert wird und die Verhaltenshemmung das Ziel ist. Aversiv ist Hundetraining also auch schon ab dem Punkt, wo hauptsächlich und bewusst über körperliche Blockierung, die meist als aversiver Reiz wahrgenommen wird, trainiert wird, mit dem Ziel, dass dadurch ein bestimmtes Verhalten nicht mehr gezeigt wird.
Und kurzfristig mag diese Art des Trainings schnell zu Erfolgen führen, langfristig gesehen kann es aber zu einem Vertrauensbruch kommen, zu anderen „unerwünschten“ Verhaltensweisen bis hin zu körperlichen Symptomen beim Hund selbst.
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