Leider sieht man es insbesondere in den sozialen Medien sehr oft: ein Hund wird (teilweise) mit Maulkorb gesichert, am (zu engen) Halsband und an kurz gehaltener Leine absichtlich in eine Situation gebracht, in der er auslöst. Er springt in die Leine, knurrt, schnappt vielleicht sogar hin.

Als Besitzer:in soll man in dieser Situation dann reagieren, den Hund in ein Sitz bringen oder mit Leinenruck, Blickfeld einschränken und co. „Herr“/„Frau“ über die Situation werden.

In meinen Augen ist das viel, aber kein (modernes) Hundetraining.

Was ist es dann?

Der Hund wird absichtlich in eine Situation gebracht, die er nicht schaffen kann. Das sind sich Halter:in oder zumindest die:der Hundetrainer:in bewusst, sonst hätten sie keine kurze Leine und keine extra Absicherung mit dem Maulkorb, sodass es zu keinem Beißvorfall kommt.

Der Hund wird also „gezwungen“ in der Situation auszulösen und wird dann wegen seines Verhaltens abgestraft oder „korrigiert“.

Und hier kommt das große Aber:
Der Hund reagiert nicht so, weil ihm langweilig ist, sondern weil er es in der Situation einfach nicht besser weiß.
Er hat in dieser Situationen einen enormen Stress und steckt in einer hohen Erregung drinnen. Weil er sich nicht mehr im bewussten Denken befindet, sondern um reinen, emotionalen „Tun“, spielt er einfach die CD „Den fremden Hund bellen wir an bis zum geht nicht mehr!“ automatisch ab.

Ein klares Denken, was für das Lernen eine VORAUSSETZUNG ist, ist in dem Kontext also gar nicht möglich.

Was macht das mit dem Hund?

Der Hund lernt am Ende, dass er wegen euch in der Situation ist, dass er nicht ausweichen kann (beziehungsweise er womöglich ausweichen will, er aber gezwungen wird, in der Situation zu bleiben) und dass ihr sogar noch unangenehme Sachen in der für den Hund schon stressigen Situation hinzufügt. Auf Dauer ist das ein massiver Vertrauensbruch.

Wie wäre es besser?

Hier muss ich etwas ausholen!

Im Laufe des Lebens entwickeln Hunde (aber auch alle anderen Lebewesen) bestimmte Verhaltensweisen für bestimmte Situationen. Anfangs wird bewusst über das Verhalten in dieser Situation nachgedacht, später läuft das Verhalten aber dann wie automatisch ab.

Man kann sich das wie Wege in einem Wald vorstellen:

Am Anfang ist alles überwuchert und man muss sich orientieren. Geht man denselben Weg öfter, entsteht ein Trampelpfad. Mit der Zeit wird daraus ein größerer Spazierweg und am Ende eine feste Straße. Irgendwann geht man diesen Weg, ohne darüber nachzudenken. Das gilt für erwünschtes Verhalten – zum Beispiel „Sitz“. Je öfter der Hund es übt, desto klarer und leichter ist dieser Weg für ihn zu gehen.

Aber genau das Gleiche passiert auch bei unerwünschtem Verhalten.

Deshalb ist es gerade bei unerwünschtem Verhalten wichtig, dass dieser „alte Weg“ nicht ständig wieder benutzt wird. Sonst wird er nur noch breiter und fester.

Stattdessen muss man dem Hund einen neuen Weg zeigen. Auch die neuen Wege sind anfangs überwuchert und nur schwer zu finden. Aber je öfter der Hund diesen neuen Weg geht, desto leichter wird er – bis er irgendwann der bevorzugte Weg wird.

Dabei ist entscheidend: Man kann den Hund nicht einfach mitten in die schwierige Situation stellen und erwarten, dass er sofort den neuen, noch mühsamen Weg nimmt, während die breite und vertraute Straße direkt neben ihm liegt. Viel wahrscheinlicher ist, dass er dann automatisch wieder die alte Straße wählt.

Darum sollte man die Situation so gestalten, dass der Hund erfolgreich sein kann. Schritt für Schritt, kleinschnittig, mit Belohnung – so versteht er: „Ah, dieser neue Weg lohnt sich! Die alte Straße brauche ich gar nicht mehr.“
Oft helfen da ein großer Abstand oder eine geringere Reizintensität! 

Den Hund dagegen absichtlich in die Situation zu bringen, in der er zwangsläufig wieder das unerwünschte Verhalten zeigt – also in der der Hund diesen enormen Stress hat, nicht mehr klar denken kann und einfach aus der Emotion heraus einen für uns „falschen Weg“ geht -, und ihn dann dafür zu bestrafen – das ist schlicht und ergreifend unfair und führt nicht zu echtem Lernen. 

Der Hund soll mit einem positiven Gefühl aus der Situation raus gehen und mit dem Wissen, dass er es auch anders machen kann und nicht sofort in die Leine hüpfen und losbellen muss, sobald er einen anderen Hund sieht. Der Hund soll dazu lernen, dass das alles auch mit uns als Sozialpartner:in möglich ist.

Fun Fact dazu: kleinschrittiges, gut aufgebautes Hundetraining, das FÜR den Hund arbeitet und nicht gegen ihn, wirkt von außen oft total fad… weil es ruhig ist. Das liegt daran, dass sich der Hund konzentrieren und denken kann.

Ja, aber Lisa… die Realität…

Ja, ich weiß es. Es ist nicht immer möglich. Und auch wir können nicht immer mit dem Kopf im Training sein, sondern wollen einfach mal spazieren gehen.

Man kann aber zum Beispiel über sogenanntes Management arbeiten. Also in dem Beispiel mit unserem „Leinenpöbler“ eine Uhrzeit oder einen Ort wählen, wo der auslösende Reiz (also der andere Hund) recht sicher nicht auftreten wird. Und sollte es so sein, dass man den Reiz nicht gesehen hat und der Hund auslöst, sollte man schauen, dass man so schnell wie möglich aus der Situation rausgeht (ein davor aufgebauter Geschirrgriff kann da helfen!) und gemeinsam mit dem Hund wieder etwas runterkommt – Fehler können mal passieren, wichtig ist aber die Art, wie wir damit umgehen. 

Je seltener der Hund auf den „alten“ Weg kommt und je öfter er den neuen Weg benutzen darf, desto schneller kommt es zu der Verhaltensänderung.

Fazit

Am Ende ist das „Den Hund in für ihn unschaffbare Situation bringen“ einen reine Show auf Kosten des Hundes.

Der Hund KANN so gar nicht (effektiv) lernen.
Der Hund KANN so nur Fehler machen.
Und das ist schlicht unfair dem Hund gegenüber, der hier absichtlich in eine Situation gebracht wird, in die er eigentlich möchte.

Ich hoffe, dass das jetzt ein kleiner Denkanstoß war und ein bisschen das, was wir auf den sozialen Medien sehen, kritisch zu hinterfragen.

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