
Da ich es leider immer wieder lese (bzw höre) möchte ich hier etwas über die Bindung und das, was dazu an Mythen im Raum steht, aufklären.
Starten wir ganz von vorne!
Was ist Bindung?
Bindung ist ein emotionales Band zwischen zwei Lebewesen. Bei der Bindungsperson wird Nähe und Sicherheit, aber auch Trost gesucht.
Der Aufbau von Bindung erfolgt über Fürsorge, sich kümmern, da sein, doch auch das gemeinsame Spielen, Trainineren, Bewältigen von Herausforderungen, … ist wichtig für den Bindungsaufbau!
Es gibt mehrere Typen von Bindungen
- sicher gebunden
- unsicher-vermeidend gebunden
- unsicher-ambivalent gebunden
- desorganisiert gebunden
Prinzipiell ist jeder Bindungstyp in dem Setting, in dem sich das Lebewesen befindet, der für das Setting beste Bindungstyp. Es gibt hier auch kein „du bist stark sicher gebunden“ oder „du bist stark unsicher gebunden“, sondern es ist ein Kontinuum.
Welchen Bindungstypen man mit einem anderen Lebewesen hat, ist eine Wissenschaft. Punkt. Sowohl beim Mensch als auch beim Hund. Das kann man nicht durch „Oh ja also er schaut dich nicht beim Spazierengehen an? Ja dann ist er unsicher gebunden“ festlegen und auch nicht durch komisch wirkende „Bindungstests“, die manche Hundeschulen anbieten. Und es ist auch massiv unprofessionell anhand einzelner Erzählungen oder anhand kurzer, nicht wissenschaftlich geführter „Tests“ festzustellen, wie die Bindung zwischen zwei Lebewesen ist.
Auch Empfehlungen zum Aufbau der Bindung über kleine „Übungen“ sind immer kritisch zu betrachten. Bindung entsteht durch das tägliche miteinander, durch das Verhalten dem Hund gegenüber und durch das Kümmern. Wenn man sich zum Beispiel nicht um den Hund kümmert und den Umgang mit ihm eigentlich meidet, wird eine kleine „Bindungsübung“ auch nicht wirklich zu einer sicheren Bindung beitragen…
Damit eine sichere Bindung entstehen kann, muss die Bindungsperson (also in dem Fall der Mensch) ein sicherer Hafen sein, feinfühlig auf die Bedürfnisse eingehen können, zuverlässig und vorhersehbar sein, …
Die Mythen
1. Wenn dich dein Hund beim Spazierengehen nicht anschaut, ist da keine Bindung da.
Nein. Einfach nein. Hunde, die es schaffen, in fremder Umgebung Erkundungsverhalten zu zeigen, wissen, dass da hinten der sichere Hafen ist, der im Notfall da ist.

Ich würde mir tatsächlich eher sorgen machen, wenn der Hund mich beim Spazierengehen die ganze Zeit anschaut und nicht selbstständig die Umgebung erkundet. Wie oft ein Hund den Blickkontakt sucht oder ihn aufbauen will, ist von Situation zu Situation, aber auch von Hund zu Hund unterschiedlich. Meine Hündin zum Beispiel schaut mich beim Spazierengehen regelmäßig an, mein Rüde nicht und das liegt nicht daran, dass ich zu meinem Rüden „keine“ Bindung habe, sondern weil beide einen grundverschiedenen Charakter haben!
2. Füttere deinen Hund aus der Hand, damit die Bindung gestärkt wird.
Wieso sollte man das machen? Die Bindung wird auch durch Futter in den Napf geben aufgebaut und auch durch da sein und sich um den Hund kümmern – also durch ganz alltägliche Situationen. Warum sollte ich den Hund die ganze Zeit aus meiner Hand fressen lassen, wenn das eigentlich nicht wirklich was zu einer „starken“ Bindung beiträgt?
In den meisten Fällen wird das „aus der Hand füttern“ dann gemacht, wenn der Hund Angst vor Menschen hat oder sich erst seit kurzem in der (fremden) Umgebung befindet. In beiden Fällen kann die Handfütterung einfach heftig nach hinten los gehen, da der Hund, wenn er Angst hat, einerseits zwar an das Futter möchte – das ist immerhin ein Grundbedürfnis -, andererseits aber auch Angst vor dem Menschen hat. Der Hund wird also in eine für ihn komplexe Situation gebracht: entweder Stillung der Grundbedürfnisse und dafür (massive) Angst haben oder das Grundbedürfnis nicht stillen und auch keine Angst haben müssen. Nur ganz ganz selten, macht das Sinn, aber nicht aus „bindungsstärkenden“ Gründen, sondern aus Trainingsgründen.
3. Nur wer ohne Leckerli erziehen kann, hat eine starke Bindung!
Es gibt per se keine starke Bindung. Es gibt die schon genannten Bindungstypen. Und durch den alltäglichen Umgang mit dem Hund wird eine der Bindungstypen aufgebaut! Wenn ihr euch also um euren Hund kümmert, habt ihr sehr sicher schon eine Bindung zu eurem Hund.

Außerdem kommt es hier zu einer gefährlichen Vermischung von Bindungstheorie und Lerntheorie. Auch das sogenannte bindungsorientiertes Hundetraining arbeitet mit positiven Verstärkern (wie zb. Leckerli), um erwünschtes Verhalten positiv zu verstärken. Und nachdem Bindungsaufbau auch über sich kümmern (und somit füttern) gehen kann, steht der Leckerligabe nichts im Weg.
Hinter dem „Ohne Leckerli erziehen“ steckt oft auch eine verhaltenshemmende Methode. Ja – es gibt auch andere positive Verstärker, aber meistens schreiben sich das „hündisch kommunizierende“ Hundeschulen auf die Webseiten, die dann unter anderem Sätzen, wie „Hunde kommunizieren untereinander auch so“ oder „Hunde geben sich ja auch keine Leckerli“ argumentieren, als Rechtfertigung für verhaltenshemmende Methoden.
4. Wenn dein Hund nicht allein bleiben kann, ist eure Bindung zu schwach.
Wieder ein großes Uff, weil (und das ist jetzt der in meinen Augen lustige Teil daran) eine sichere Bindung sogar dadurch gekennzeichnet ist, dass bei der Trennung zur Bindungsperson ein Trennungsstress entsteht! Die meisten Hunde lernen aber, dass die Bindungsperson zurück kommt und haben Strategien an die Pfote gekriegt, um mit dem Trennungsstress gut umgehen zu können.
Die Gründe, wieso ein Hund nicht allein daheim bleiben kann, sind zudem vielfältig. Es kann tatsächlich Trennungsstress sein, weil die Bindungsperson verschwunden ist. Es kann aber auch sein, dass es mal laut war und sich der Hund erschreckt hat, als er allein daheim war…
5. Wenn dein Hund jagen geht, hat er eine schlechte Bindung zu dir!
Jagen ist ein Instinktverhalten, das aus mehreren Sequenzen besteht. Diese Sequenzabfogle wird dann recht automatisch abgespielt und ab einem gewissen Punkt kommt es dazu, dass der Hund nicht mehr ansprechbar ist, weil er so sehr in diesem Instinktverhalten drinnen steckt.

Je nach Rasse, ist eine Sequenz „mehr“ herausgezüchtet als andere (bei einem Hütehund ist das Fixieren und Hetzen sehr stark herausgezüchtet, bei einem Retriever aber das Packen). Je nach Rasse (und Erfahrungen) kippt der Hund zudem leichter in das Jagdverhalten als andere. Das hat aber absolut nichts mit schlechter Bindung zu tun, sondern damit, dass manche Hunde jagdlich motivierter sind als andere.
Und auch hier hilft Handfütterung übrigens nicht! Wieso? Im Laufe der hündischen Evolution haben wir es gehschafft, das Jagdverhalten vom Hunger der Hunde zu entkoppeln. Früher wollte man ja, dass der Hund zum Beispiel den geschossenen Fasan bringt und nicht, dass er mit dem geschossenen Fasan in den Busch verschwindet, einen Happen nimmt und zurückkommt. Gleichzeitig mussten auch satte Hunde den geschossenen Fasan apportieren müssen. Das bedeutet also, dass auch ein satter Hund wird Jagdverhalten zeigen kann.
Fazit
Bindung ist super. Eine sichere Bindung zu haben ist super. Dass sich der Hund auf einen verlassen kann ist super. Mythen in den Raum zu werfen, Leuten eine schlechte Bindung vorzuwerfen oder Theorien zu vermischen, ist weniger super!
Und „nix is fix“!

Die Art, wie ein Hund gebunden ist, kann sich im Laufe des Lebens mit unserem Umgang dem Hund gegenüber auch wieder ändern!
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